Reklamationsmanagement in der Industrie: Prozess, Fristen, Kennzahlen und Software

 

Reklamationsmanagement umfasst alle Schritte, mit denen ein Unternehmen Reklamationen annimmt, bewertet, die Ursache abstellt und den Fall nachweisbar abschließt. In der Industrie geht es meist um fehlerhafte Teile: vom Kunden beanstandet, beim Lieferanten reklamiert oder intern entdeckt. Das Ziel ist nicht nur, den einzelnen Fall zu lösen. Derselbe Fehler soll nicht wiederkommen.

Beschwerdemanagement ist der weitere Begriff aus dem Kundenservice. Es behandelt jede Unzufriedenheit, auch ohne Mangel am Produkt. Dafür gibt es mit ISO 10002 einen Leitfaden, also keine Anforderungsnorm wie ISO 9001.

Kunden-, Lieferanten- und interne Reklamation

  • Kundenreklamation: Ihr Kunde beanstandet Ihre Lieferung. Er erwartet Sofortmaßnahmen, eine Ursachenanalyse und oft einen 8D-Report.
  • Lieferantenreklamation: Sie beanstanden Ware Ihres Lieferanten. Beim beiderseitigen Handelskauf verlangt § 377 HGB, die Ware unverzüglich zu untersuchen und erkennbare Mängel unverzüglich anzuzeigen; verdeckte Mängel sind unverzüglich nach der Entdeckung zu rügen. Danach fordern Sie Stellungnahme und Maßnahmen an und klären die Kosten.
  • Interne Reklamation: Ein Fehler fällt in der eigenen Fertigung oder Prüfung auf, bevor er beim Kunden ankommt.

Die rechtlichen Grundlagen fasst unser Infoblatt „Rechtliches zu Reklamationen“ (PDF) zusammen.

Reklamationsprozess: Reklamationen bearbeiten Schritt für Schritt

  1. Eingang bestätigen: Reklamation annehmen und dem Kunden den Eingang bestätigen.
  2. Erfassen: Teilenummer, Charge, Menge, Fehlerbild, Fundort und Ansprechpartner festhalten.
  3. Sofortmaßnahmen: Den Kunden schützen, zum Beispiel Bestände im Lager, unterwegs und beim Kunden sperren und sortieren. Bei möglichen Sicherheitsrisiken nicht erst die Bewertung abwarten.
  4. Bewerten: Ist die Reklamation berechtigt? Wie kritisch ist der Fehler für Sicherheit, Funktion oder Optik?
  5. Ursache ermitteln: getrennt nach Auftreten und Nicht-Entdecken, zum Beispiel mit 5-Why oder dem Ishikawa-Diagramm.
  6. Abstellmaßnahmen festlegen und umsetzen.
  7. Wirksamkeit prüfen: mit Daten nachweisen, dass der Fehler nicht mehr auftritt.
  8. Wiederholung verhindern und abschließen: Erkenntnisse in FMEA, Prüfplan und Arbeitsanweisungen übernehmen, auf ähnliche Teile übertragen und den Fall mit dem Kunden schließen.

Die Problemlösung orientiert sich an D3 bis D8 im 8D-Report. Wie Korrektur- und Vorbeugemaßnahmen allgemein funktionieren, erklärt der Artikel CAPA.

Wie lange darf eine Reklamation dauern?

Eine allgemeine gesetzliche Frist für die Eingangsbestätigung oder den vollständigen 8D-Report gibt es nicht. Gesetzliche Mängelrechte und gesetzte Nacherfüllungsfristen sind davon getrennt. Die Fristen für die Bearbeitung stehen in Qualitätssicherungsvereinbarungen und Lieferantenrichtlinien. Zwei Beispiele:

Kunde und DokumentVorgabe
Arnold, Mindestanforderung 8D-ReportEingangsbestätigung innerhalb von 24 Stunden
Thiele, 8D-Leitfaden für Lieferanten (Rev. 01, Dezember 2016)Sofortmaßnahmen in der im Prüfbericht genannten Reaktionszeit; 8D-Report bis einschließlich Punkt 6 des eigenen Formblatts innerhalb von 10 Arbeitstagen nach Eingang der Beanstandung bzw. der Ausfallmuster

Maßgeblich ist immer die aktuelle Vereinbarung mit Ihrem Kunden.

Muss jede Reklamation ein 8D-Report sein?

Nein, solange der Kunde es nicht verlangt. Ein voller 8D lohnt sich, wenn ein Fehler sicherheitsrelevant ist, wiederholt auftritt, viele Teile betrifft oder die Ursache unklar ist. Bei einfachen Fällen mit klarer Ursache reicht oft eine Korrektur mit kurzer Begründung. Legen Sie diese Auslöser vorher fest, sonst wird jeder 8D zur Formsache.

Was fordern ISO 9001 und IATF 16949?

RegelwerkAbschnittInhalt
ISO 9001:20158.2.1 cKundenrückmeldungen einschließlich Reklamationen einholen
ISO 9001:201510.2.1Bei Nichtkonformitäten, auch aus Reklamationen: reagieren, Ursachen bewerten, Maßnahmen umsetzen, Wirksamkeit prüfen
IATF 1694910.2.3Dokumentierter Prozess zur Problemlösung
IATF 1694910.2.6Kundenreklamationen und Ausfälle im Feld analysieren
ISO 10002gesamtLeitfaden für das Beschwerdemanagement
VDABand zum standardisierten Reklamationsprozess (2. Auflage 2020)Einheitlicher Reklamationsablauf in der Automobilindustrie

Eine eigene Verfahrensanweisung für Reklamationen schreibt ISO 9001 nicht vor. Nachweise zu Nichtkonformitäten, Maßnahmen und Ergebnissen sind aber dokumentiert aufzubewahren. Die Abschnittsnummern beziehen sich auf ISO 9001:2015; mehr zur Norm im Artikel ISO 9001.

Kennzahlen im Reklamationsmanagement

KennzahlBerechnungWofür
ReklamationsquoteReklamierte Lieferungen ÷ gelieferte Lieferungen × 100, je ZeitraumAnteil beanstandeter Lieferungen
ppmBeanstandete Teile ÷ gelieferte Teile × 1.000.000, je Zeitraum. Beispiel: 15 von 100.000 Teilen = 150 ppm (0,015 %)Fehlerrate auf Teileebene, oft Zielvorgabe in Lieferantenvereinbarungen
DurchlaufzeitTage vom Eingang bis zum Abschluss, oft zusätzlich bis zur SofortmaßnahmeGeschwindigkeit der Bearbeitung
WiederholrateAnteil der Reklamationen mit gleichem Fehlerbild wie ein bereits abgeschlossener Fall (eigene Definition)Wirksamkeit der Maßnahmen

Excel oder Reklamationssoftware?

Bei wenigen Reklamationen im Monat reicht eine Excel-Liste. Grenzen zeigen sich, wenn mehrere Standorte gleichzeitig arbeiten, Fristen überwacht werden müssen, an jedem Fall Fotos und Nachweise hängen und Trends ausgewertet werden sollen. Dann lohnt sich Software, als Modul im CAQ- oder ERP-System oder als schlanke App. Darauf sollten Sie achten:

  • einheitliche Erfassung mit Pflichtfeldern
  • Aufgaben mit Verantwortlichen und Terminen
  • Erinnerung, bevor Fristen ablaufen
  • Bericht oder 8D-Report direkt aus den erfassten Daten
  • Auswertung nach Fehlerart, Kunde und Lieferant

Reklamationsmanagement Software: Reklamationen mit firstaudit erfassen

Mit firstaudit erfassen Sie Reklamationen als digitales Formular auf Smartphone, Tablet oder PC und dokumentieren sie als PDF-Bericht. Für einen Nutzer ist das dauerhaft kostenlos. Eine Vorlage für den 8D-Report gibt es als Word- und Excel-Datei im Artikel 8D-Report.

Häufige Fragen zum Reklamationsmanagement

Wie läuft eine Reklamation in der Industrie ab? +

Eingang bestätigen, Fall erfassen, Sofortmaßnahmen zum Schutz des Kunden einleiten, die Reklamation bewerten, die Ursache ermitteln, Abstellmaßnahmen umsetzen, die Wirksamkeit prüfen und den Fall abschließen. Bei Kundenreklamationen wird das Ergebnis oft als 8D-Report übergeben.

Wie lange darf die Bearbeitung einer Reklamation dauern? +

Eine allgemeine gesetzliche Frist dafür gibt es nicht. Die Fristen legen Kunden in Qualitätssicherungsvereinbarungen und Lieferantenrichtlinien fest, zum Beispiel eine Eingangsbestätigung innerhalb von 24 Stunden oder einen 8D-Report bis zu einem festgelegten Bearbeitungsstand innerhalb von 10 Arbeitstagen.

Fordert ISO 9001 ein Reklamationsmanagement? +

ISO 9001 verlangt, Kundenrückmeldungen einschließlich Reklamationen zu erfassen (8.2.1 c in der Ausgabe 2015) und auf Nichtkonformitäten mit Ursachenanalyse und Maßnahmen zu reagieren (10.2). Eine eigene Verfahrensanweisung für Reklamationen ist nicht vorgeschrieben, Nachweise zu Maßnahmen und Ergebnissen schon.

Was ist der Unterschied zwischen Reklamations- und Beschwerdemanagement? +

Reklamationsmanagement behandelt Mängel an Produkten oder Lieferungen und ihre Ursachen. Beschwerdemanagement ist weiter gefasst und betrifft jede Unzufriedenheit, auch ohne Mangel, etwa mit Service oder Kommunikation.

Wie berechnet man Reklamationsquote und ppm? +

Reklamationsquote: reklamierte Lieferungen geteilt durch gelieferte Lieferungen, mal 100. ppm: beanstandete Teile geteilt durch gelieferte Teile, mal 1.000.000. Beispiel: 15 beanstandete von 100.000 gelieferten Teilen ergeben 150 ppm.

Muss jede Reklamation mit einem 8D-Report bearbeitet werden? +

Nein, außer der Kunde verlangt es. Ein voller 8D lohnt sich bei sicherheitsrelevanten, wiederholten oder unklaren Fehlern und bei vielen betroffenen Teilen. Einfache Fälle mit klarer Ursache lassen sich oft mit einer kurzen Korrektur abschließen.

Gibt es kostenlose Reklamationssoftware? +

Ja, für den Einstieg. Mit firstaudit erfassen Sie Reklamationen als digitales Formular und dokumentieren sie als PDF-Bericht, für einen Nutzer dauerhaft kostenlos. Für viele Fälle, mehrere Standorte und Fristenüberwachung brauchen Sie meist eine Lösung mit Aufgaben- und Maßnahmenverfolgung.

Was gehört in eine Prozessbeschreibung zum Reklamationsmanagement? +

Geltungsbereich, Zuständigkeiten, die Schritte vom Eingang bis zum Abschluss, Fristen, die Kriterien für einen vollen 8D-Report, die Kennzahlen und wo Nachweise abgelegt werden.

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Bild: KI-generiert mit Canva